ILUC: Wenn die Guillotine fällt

Das neue Jahr beginnt für die Biokraftstoffhersteller wenig erfreulich: Super E10 bleibt weiterhin ein Ladenhüter und zum Jahresende fällt die Steuerfreiheit für reinen Biodiesel. Zudem fürchten die Unternehmen, dass sie für Emissionen aus Landnutzungswechseln gerade stehen müssen. Die Branche steht an einem Scheideweg.

Elmar Baumann, Chef des Verbandes der deutschen Biokraftstoffindustrie, brachte es bei der alljährlichen Branchenkonferenz parallel zur „Grünen Woche“ auf den Punkt. „Wenn der ILUC-Faktor kommt, ist es in Europa vorbei mit Biodiesel.“ Was ihn so fatalistisch stimmt, sind die Pläne der EU-Kommission, die Treibhausgasbilanzen von Biokraftstoffen um einen Wert für Emissionen aus indirekten Landnutzungswechsel (ILUC) zu ergänzen. Diese liegen vor, wenn Infolge des Anbaus von Energiepflanzen anderswo zusätzlichen Flächen genutzt werden müssen.

Das Problem für die meisten Pflanzenkraftstoff-Produzenten: Wird dieser Wert auf die CO2-Bilanz von Weizenethanol oder Rapsdiesel aufgeschlagen, erfüllt keiner der existierenden Biokraftstoffe in Deutschland die von der EU gesetzten CO2-Einsparvorgaben von 35 beziehungsweise 50 Prozent (2017) gegenüber herkömmlichen Kraftstoffen.

Die Branche läuft entsprechend seit Jahren Sturm gegen das Vorhaben. Sie fühlt sich ungerecht behandelt, weil andere Biomassenutzer die strengen Kriterien nicht einhalten müssen. Von der Mineralölindustrie ganz zu schweigen, die verstärkt auf unkonventionelle Ölsorten und damit dreckigere Fördermethoden (Ölsande) setzt. Demgegenüber verweisen Biokraftstoffhersteller darauf, dass sie bereits seit letztem Jahr nach EU-Recht  einen nachhaltigen Anbau der Rohstoffe nachweisen müssen.

Glaubenskrieg ILUC

Vertreter von Umweltverbänden beharren indes darauf, dass die indirekten Landnutzungseffekte die Klimabilanz von Biokraftstoffe schwer belasten. Es ist eine Art Glaubenskrieg, denn in der Tat, ist die Bilanzierung der indirekten Landnutzungswechsel äußerst komplex. Dennoch, ein „Phantom“ wie einige Branchenvertreter auf der Biokraftstoffkonferenz verlauten ließen, sind diese sicher nicht. Besonnene Vertreter erkennen das Problem durchaus an.

Unisono Kritik gibt es aber an der Datenbasis, auf deren Grundlage die EU-Kommission die Vorgaben erlassen will. Konkret geht es um eine Studie des International Food Policy Research Institut (IFPRI). Diese nennt konkrete Werte, die auf die CO2-Bilanz von Ethanol und Biodiesel angerechnet werden müssten, den sogenannten ILUC-Faktor. Die Studie und ihre Ergebnisse seien aber wissenschaftlich fraglich, so die Kritik nicht nur von Branchenvertretern. Das Modell auf dem die IFPRI-Studie basiert sei ungenau, heißt es (Stellungnahme Biokraftstoffverbände). Tatsächliche räumen die Autoren zahlreiche Ungenauigkeiten ein. Eine Analyse des International Council on Clean Transportation, einer Nichtregierungsorganisation, kommt zu dem Ergebnis, dass die IFPRI-Studie zwar verbesserungswürdig sei, sie aber de facto die beste verfügbare Arbeit zu ILUC sei.

Konkrete Alternativen hat die Biokraftstoffbranche aber noch nicht in der Hand. Man arbeite mit Hochdruck an Biokraftstoffen auf Algen oder Mikrobenbasis die weitgehend ohne Anbaubiomasse auskommen, sagte ein Vertreter des finnischen Pflanzenöl-Riesen Neste Oil. Fakt ist aber auch: die von Deutschland und der EU für 2020 ausgegeben Klimaziele für den Verkehr sind ohne die verfügbaren Biokraftstoffe nicht zu machen. Nicht zuletzt, weil die Automobilindustrie die Suche nach emissionsarmen Antrieben lange vernachlässigte.

Die EU steht vor einem Dilemma: Sie hat einerseits ehrgeizige Biokraftstoffziele bis zum Jahr 2020 ausgegeben, will sich andererseits aber nicht dem Vorwurf aussetzen, sie tue nichts gegen das Problem der indirekten Landnutzwechsel. Handelt sie konsequent, steht ein Großteil der von ihr geförderten Biokraftstoffindustrie vor dem Aus. Wenig verwunderlich also, dass die Brüsseler Behörde die Entscheidung zum Thema ILUC seit drei Jahren vor sich her schiebt.

5 Kommentare zu "ILUC: Wenn die Guillotine fällt":

  1. 2146
    Thorsten Martin · 24. Januar 2012 - 09:51 Uhr · Permalink

    Es ist doch nicht die Frage, ob Biokraftstoffe mehr oder weniger Emissionen als fossile in die Luft pusten. Es geht doch darum, ob wir uns angesichts einer steigenden Weltbevölkerung erlauben können Pflanzen nicht ausschließlich als Nahrungsmittel zu nutzen.

  2. 2147
    RüdiB · 24. Januar 2012 - 11:34 Uhr · Permalink

    Fossile Kraftstoffe sollte man besser mit Windgas ersetzen. Der Anbau von Nahrungsmitteln wird von WKA nicht gestört.

    Das “Argument von T. Martin daß Pflanzen ausschließlich als Nahrungsmittel genutzt werden sollten ist heuchlerisch. 60% der weltweiten Getreideernte werden heute nicht zur Nahrung sondern als Futtermittel verwendet.
    Wer mit solchen Argumenten kommt sollte sich also besser fragen ob er nicht seinen Fleischkonsum auf 1mal die Woche reduziert oder noch besser Veganer wird.

  3. 2322
    Ron Kirchner · 25. Januar 2012 - 10:59 Uhr · Permalink

    Vielen Dank für den Artikel der die Pro- und Contra Seite der komplexen ILUC-Debatte sehr ausgewogen beleuchtet.

    Was mich persönlich sehr wundert und als Bioenerge-Enthusiast auch etwas an der aktuellen EU-Klimapolitik verzweifeln lässt ist, dass wir uns die Energiewende in Europa sooo schwer machen. Natürlich ist ILUC ein Faktor der berücksichtigt werden muss und Mittel und Wege gefunden werden sollten, um mittelfristig so klima- und umweltfreundliche Biokraftstoffe wie möglich zu unterstützen. Aber muss das denn mit einem Fingerschnippen in 5 Jahre passieren?

    Wenn wir als EU-Bürger die Wahl haben, direkt eine 40%-ige (!) CO2-Einsparung zu erreichen und somit wirklich aktiv zum Klimaschutz und zur Energiewende beizutragen, dann machen wir uns dass mit übertrieben ambitionierten Minderungszielen für Biokraftstoffe wieder kaputt! 40% können die meisten Biokraftstoffe heute schon erreichen und das ist der Richtlinie zu wenig. Ich würde gerne eine andere Energiealternative im Verkehrssektor sehen, die auch nur 20 % CO2-Minderung erreichen kann. Ich kenne jedenfalls keine.

    In 20-30 Jahren können gerne mit EE-Strom betriebene Elektrofahrzeuge eine noch viel bessere Klimabilanz in den Verkehrssektor tragen! Aber von eine funktionierenden Elektromobilitäts-Infrastruktur sind wir leider noch Jahrzehnte entfernt – ich kenne jedenfalls niemanden, der das ernsthaft bestreitet.

    Dass auf Grund von unterschiedlichen wirtschaftlichen Interessen nicht jeder für eine zügige Energiewende ist, dass kann ich nachvollziehen und akzeptieren, aber am Klimaschutz und einer Verlangsamung des Klimawandels sollte doch eigentlich jeder ein Interesse haben, der Kinder in diese Welt setzt. Ich bin sonst ein eher sanftmütiger Typ, aber die aktuelle ILUC-Debatte kann einen schon etwas zynisch machen.

    Schade Herr Wiedemann, dass wir uns auf der “Kraftstoffe der Zukunft”-Konferenz des BBE nicht getroffen haben, da ich diese ebenfalls besucht habe und den “Glaubenskrieg” um ILUC live miterleben musste.

    Wer sich speziell für die Entwicklung der Bioenergie in Deutschland und Europa interessiert dem empfehle ich übrigens (nicht ganz uneigennützig) den Blog http://www.biomasse-nutzung.de

    Vielen Dank.

  4. 2362
    HalloHerrNachbar · 26. Januar 2012 - 17:23 Uhr · Permalink
  5. 2539
    @ee-blog · 5. Februar 2012 - 12:58 Uhr · Permalink

    … Follow-up: Early draft http://www.endseurope.com/docs/120126b.pdf of ILUC impact assessment. See …

Ein Trackback

  1. [...] dem Blogartikel „Wenn die Guillotine fällt“ von Karsten Wiedemann (Bioenergie-Redakteur neue energie) fasst er die ILUC-Problematik, wie er [...]

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