Handelsblatt Tagung – Tag 1: Rösler smart, Großmann leidend

Mit ihrer schlicht “Energiewirtschaft” genannten Tagung im Januar setzt das Handelsblatt traditionell den energiepolitischen Jahresauftakt. Heute liefen Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler und Noch-RWE-Chef Jürgen Großmann auf – der eine glänzte zumindest rhetorisch, der andere gab den kernig-nörgeligen Alleinunterhalter. Was Substanzielles? Bei Rösler Fehlanzeige. Was Neues? Bei Großmann Fehlanzeige.

Der Minister hatte vorgelegt, mit einem Interview im Handelsblatt am Vortag. Da habe er wohl eine rege Debatte ausgelöst, gab er süffisant lächelnd zum Besten. Beim Publikum kamen seine Überlegungen an. Für die Bemerkung “Wir müssen das EEG umbauen” bekam er den (einzigen) Szenenapplaus.  Den Teilnehmern klang da noch die Formulierung vom “süßen Gift” der “Subvention” im Ohr, den er kurz zuvor gebraucht hatte.  Auch damit waren das EEG und seine “staatlich” festgeschriebenen Preise gemeint.  Wie ein neues System aussehen soll, so Rösler, da sei er “ganz offen”. Aha. Das klang im Interview noch anders. Auch die Seitenhiebe in Richtung Photovoltaik blieben aus.  “Da hat er gekniffen”, grummelte hinterher ein Teilnehmer. Frei reden könne er ja, sagte ein anderer. Aber was hat er eigentlich inhaltlich gesagt? Hm. Mal überlegen… Ein neues Fördersystem müsse am Markt ausgerichtet sein, besser an der “sozialen Marktwirtschaft”, erzählte Rösler. Die taugt nach dem Credo des FDP-Chef ohnehin als Allheil-Regulativ. “Starre Vorgaben” bei Energieeffizienz, gar “Ordnungsrecht”? Nein, danke. Das soll man doch bitte dem Markt überlassen, die “richtigen Anreize” setzen und “Aufklärung” betreiben, so der Wirtschaftsminister. Komisch. Genau so läuft es seit Jahren. Und haben wir deutliche Verbesserungen bei der Energieeffizienz erreicht? Nein. Aber der Markt, der Markt – der kommt noch! Ganz bestimmt!

Was von dem ganzen Marktgerede zu halten ist, entblößte ausgerechnet RWE-Chef Jürgen Großmann – der nächste Redner. “In Kapazitätsmarkt steckt ungefähr so viel Markt, wie Hund in Hundekuchen.” Gelächter im Saal… Großmann hatte noch mehr Brüller drauf. Es sei ja schön, dass alle gekommen wären – wo hier doch nur “3. Liga” geboten werde. “Ich bin der vom Regionalligaclub RWE, exakt da sieht Energiekommissar Oettinger uns spielen.” Gelächter im Saal. Und so lustig und munter, aber auch oft nörgelig und beinahe bitter ging es dann 40 Minuten weiter – ein Parcours durch die Energiewelt wie sie Herr Großmann sieht. Beispiele:  “Die Förderung der Erneuerbaren ist in Deutschland zu einer riesigen Umverteilungsmaschine geworden. Der Mini-Jobber aus Moabit finanziert den Zahnarzt in Chiemgau”. Puh. So ging’s auch: Ein Zahnarzt aus Moabit finanziert den armen Landwirt in Bayern. Und der eine wie der andere Vergleich ist schief, sehr schief. Nächstes Beispiel: Dass der Stromverbrauch hierzulande zurückgeht, ja zurückgehen muss, findet Großmann unrealistisch. Die Österreicher seien da “realistischer”. Sie planten mit 1,8% Zuwachs jährlich. “Mehr Stromverbrauch sollte kein Problem sein, solange der Strom umweltfreundlich produziert wird.” Aha. Wie war das noch mit diesem Postulat, das andere formulieren: Jede eingesparte Kilowattstunde muss man nicht (wie teuer auch immer) erzeugen. Sie ist also gespartes Geld. Ist der Ökostrum also in Augen Großmanns so billig, dass wir ruhig damit prassen können? Das nun wieder nicht. Er kommt auf schlappe 300 Milliarden Euro Kosten für die Energiewende.
Last but not least kommt der scheidende RWE-Chef zu seinem Lieblings-Prügelknaben: der Photovoltaik. “PV in Deutschland macht so viel Sinn wie Ananas züchten in Alaska”, ätzt er. Komisch, dass sich hierzulande so viele irre Ananas-Züchter gefunden haben. “Der Deutsche will immer nur Sonne, nicht nur auf Mallorca”, wird Großmann schon fast melancholisch. Und gibt ganz zum Schluss zu: “Ja, ich leide.” Die Energiewelt des Herrn Großmann ist nicht mehr so wie sie einmal war. Das mag traurig sein für – aber das ist die Realität. Und das ist gut so.

3 Kommentare zu "Handelsblatt Tagung – Tag 1: Rösler smart, Großmann leidend":

  1. 1768
    RüdiB · 18. Januar 2012 - 13:24 Uhr · Permalink

    Warum Grossmann und Rösler so sauer auf die PV sind zeigt täglich neu diese Grafik:
    http://www.transparency.eex.com/de/
    Die Lastspitzen werden von PV wegrasiert und damit kommen die Spitzenlastkraftwerke immer seltener zum Einsatz zum Nachteil der Gewinne von RWE u.a.
    Es ist schön Grossmann und Co leiden zu sehen!

  2. 1782
    Sven Träder · 19. Januar 2012 - 00:55 Uhr · Permalink

    Schade das dass Haus- und Hoforgan der Windbranche nicht erkennen darf, daß der ausufernde Zubau der letzten zwei Jahre bei der PV eine negative Wirkung auf Investitionen im Windbereich hat. Und das bei geringerem Anteil am Wirtschaftskreislauf durch 80% chinesischer Billigmodule im Vergleich zu 90% installierter Leistung von Enercon, REpower, Nordex, Fuhrländer, BARD und Siemens. Vielleicht mal drüber nachdenken wer nachhaltig Arbeitsplätze schafft, Investitionen in den Industriestandort Deutschland tätigt anstatt die Einnahmen in sinnfreie Marketingmaßnahmen zu stecken(die Bundesliga freuts und ists egal ob von Bank, EVU oder Solarhersteller aus China).
    Es kommt doch nicht von ungefähr das bis auf 2011 60% der in Europa installierten Leistung in Deutschland installiert wurde. Das hängt einzig und alleine an der Förderung und nicht weil in Deutschland alles nur Gutmenschen sind(davon ab die leute die in Solar investieren KÖNNEN sind alles Personen die ein gewisses Einkommen haben und sich damit eine gute bis sehr gute Investition sichern.

    Das dieses Problem von der sich selbst zerstörenden FDP und dem Aushängeschild der Atomlobby angesprochen wird, hat einen schalen Beigeschmack, aber im Kern werden alle Unternehmen der Windbranche, die kein Geld im Solarbereich verdienen dem zustimmen.

    • RüdiB · 19. Januar 2012 - 12:10 Uhr · Permalink

      Diese Diskussion hatten wir schon mal. Den Arbeitsplätzen ist es ziemlich egal woher die Module kommen denn mit ca 750 Euro/KWp haben sie nur einen kleineren Anteil an den Kosten einer Anlage. Sowieso ist die Modulfertigung automatisiert und über 50% der Arbeitsplätze in der PV sind im Handwerk entstanden.
      Die Module in China werden auch auf deutschen Automaten u. Maschinen hergestellt, die Wechselrichterindustrie in D ist weltweit führend. Auch den Montagesystemen ist es egal woher die Module kommen.

      Die Windindustrie sollte eher die teure Förderung von offshore Windkraft im Auge haben. Mit 19 Cent/kwh ist sie deutlich teurer als die PV.

Ein Trackback

  1. [...] im Besonderen. Rhetorisches Stilmittel Nummer 1: Unterstütze die Vorschläge deines Gegenspielers. “Man kann nicht in der Endausbaustufe, 80 Prozent Erneuerbare haben wollen und das auf ein Su….Rhetorische Regel Nummer 2: Verschiebe die Aussagen leicht. “Die große Aufgabe des EEG ist, [...]

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