Nun also doch: Q-Cells muss morgen Insolvenz anmelden, Odersun ist schon am vorigen Freitag beim Insolvenzrichter gewesen. Beide Firmen hoffen, sich auf diesem Weg zu sanieren. Ist die Hoffnung berechtigt?
Die Schreckensmeldungen aus der deutschen Solarindustrie wollen einfach nicht abreißen. Kurzarbeit, Entlassungen, Werksschließungen, Pleiten allenthalben. Nach Solon und Solarhybrid musste jetzt Odersun den Offenbarungseid ablegen: kein Geld mehr in den Kassen, insolvent. Die Stimmung in Frankfurt/Oder – die größeren Konkurrenten vor Ort First Solar und Conergy rudern auch kräftig gegen den Abwärtstrend – dürfte sich merklich verschlechtern.
Sicher, im Vergleich zu Umsätzen und Beschäftigten bei First Solar und Conergy ist Odersun ein Leichtgewicht. Sicher, bei Odersun lief es schon länger nicht richtig rund. Der Spezialist für Dünnschicht-Module und Gebäudeintegration bekam zwar Design-Preise, aber zu wenig Aufträge. Das Unternehmen erfreute sich zwar hoher Medien-Resonanz, seine Produkte konnten aber in punkto Energieausbeute und Preisniveau selbst in guten Marktzeiten nicht mithalten. Jetzt ruhen die Hoffnungen der 260 Mitarbeiter auf einem Investor – der sich allerdings erst finden muss. Dass diese Hoffnung in Erfüllung gehen kann, haben die Beispiele Solon und Sunways gezeigt. Aber derzeit suchen viele hiesige Solarfirmen nach Geldgebern, eigentlich zu viele. Das sind wunderbare Zeiten für Schnäppchenjäger. Sie können Hochtechnologiefirmen günstig einsammeln. Das sind schlechte Zeiten für diese Firmen und ihre Mitarbeiter – und auch für den Innovationsstandort Deutschland.
Vom Börsenstar zum Pleiteunternehmen
Das größte Drama dieser Art droht in Thalheim. 2200 Mitarbeiter bangen, ob und wie es bei Q-Cells weitergeht. Angesichts der riesigen Verluste des einstigen Börsenstars hatten Beobachter schon länger mit der Insolvenz gerechnet. Lange versuchten Firmenleitung und große Investoren das abzuwenden. Sie legten einen komplizierten Umschuldungsplan vor, damit in diesem wie den kommenden Jahren fällige Anleihen gestreckt und in Aktienkapital umgewandelt werden können. Denn das nötige Geld, um die Anleihen zurückzuzahlen, hat Q-Cells nicht. Vor wenigen Wochen schien alles in Butter: Die Mehrheit der Gläubiger gab grünes Licht, die Details sollten bis Jahresende 2012 ausgehandelt werden.
Doch dann entschied ein deutsches Gericht in einem ähnlich gelagerten Fall anders. Auch die bayerische Pfleiderer wollte eine Umwandlung von Anleihen, die sie nicht mehr zurückzahlen konnte, in Aktien vornehmen. Auch Pfleiderer hatte die Mehrheit der Gläubiger überzeugt. Auch Pfleiderer hatte die fragliche Anleihe bereits 2007 herausgegeben – und bezog sich mit ihrem Rettungskonstrukt auf das Schuldverschreibungsgesetz aus dem Jahr 2009. Geht nicht, sagt das Oberlandesgericht Frankfurt. Für diesen Fall gilt die Rechtslage vor 2009 und die sieht vor, dass die Umwandlung von allen Gläubigern akzeptiert werden muss. Weil aber bei Q-Cells einige Anleihe-Geber auf Zahlung bestanden hatten, war klar: Die Mehrheit fehlt, der geplante Umschuldungsdeal ist geplatzt – und so bleibt nur der Gang zum Insolvenzrichter. Morgen, am Dienstag, ist es so weit.
Jetzt heißt es also auch in Thalheim auf weiße Ritter hoffen. Nur: Bei Q-Cells sind in den vergangenen Monaten schon einige auf den Hof geritten und nach Blick in die Bücher dankend wieder von dannen. Nur: Q-Cells ist auch ein so dicker Brocken, dass die Firma nicht sang- und klanglos untergehen dürfte. Kaum ein Unternehmen stand so sehr für den Erfolg der hiesigen Solarindustrie wie die Thalheimer. Kaum ein Unternehmen wuchs so rasant wie der Zellenproduzent. Selbst literarisch wurde die Erfolgsgeschichte aus dem düsteren Bitterfelder Revier veredelt, von Monika Maron in “Bitterfelder Bogen”. Legendär sind die rauschhaften Auftritte von Ex-CEO Anton Milner, der seine Zuhörer im Nu begeistern konnte. Legendär die Feten im Rahmen der EU PVSEC-Konferenzen, wo Tausende zu den Cell Test Dummies abtanzten, unzählige Cocktails flossen, eine junge und heiße Branche sich feierte. Legendär ist der Erfolg der Brenninkmeijer-Familie, deren Investmentgesellschaft Good Energies als Großaktionär von Q-Cells zu einer der Top-Investoren für Erneuerbare überhaupt aufstieg. Vorbei, aus, Ende?
Kaum ein Unternehmen stand auch so sehr für Hybris und Risiko wie Q-Cells. Die Macher wollten sehr schnell sehr viel – und waren dennoch nicht schnell genug. Die Chinesen waren flotter. Q-Cells Macher hatten sich bei Lieferverträgen für Silizium verzockt, sie hatten zu viele Techniken parallel gestartet, zu viel Geld in zu viele Projekte gesteckt. Dieses und vieles andere wurde zum Verhängnis. Seit dem Abgang von Milner im März 2010 hatten bei den Thalheimern ohnehin nur noch Banker und Finanzjongleure das Sagen. Ihr Kartenhaus ist nun eingestürzt.
Armes Solardeutschland! Die Installateure schrauben was das Zeug hält auf die Dächer, aber ob die glitzernden Platten aus Baoding, Bitterfeld oder Fürstenwalde kommen, ist ihnen wurscht. Dort wird es jetzt finster.




1 Kommentar zu "Sonnendrama, nächster Akt: Q-Cells und Odersun sind insolvent":
Chapeau,
guter Kommentar!!!
2 Trackbacks
[...] Remmel kündigte zudem eine Initiative seines Bundeslandes an, um die heimische Solarbranche zu stützen und zwar mittels eines Local Content-Paragrafen. Wer Solarstrom über das EEG einspeist müsste dann nachweisen, dass ein Teil seiner Anlagen in Deutschland gefertigt wurde. Ob eine solche Auflage Europarechts- bzw. WTO-konform ist, scheint fraglich. Der deutschen Solarbranche käme sie dennoch gelegen. Sie hat derzeit mit einer Pleiteweile zu kämpfen. [...]
[...] die von zahlreichen Pleiten gebeutelte deutsche Solarindustrie durch den Entscheid besseren Zeiten entgensteuert ist aber fraglich. Die Branche hatte zuletzt [...]